"Das 'Freie Mikrofon Freiburg' ungefiltert - NS-Relativierung, neurechte Verschwörungsideologie und Demokratiefeindlichkeit"

Am Samstag, den 4.7., fand auf dem Münsterplatz unter dem Label „Freies Mikrofon Freiburg“ erneut ein Protest gegen die Corona-Maßnahmen statt. Während in Sicht- und Hörweite eine Gegendemonstration auf die rechten und verschwörungstheoretischen Umtriebe aufmerksam machte, ließ der „coronaskeptische“ Protest hinter seine „friedliche“ Fassade blicken. Besonders ein Redner ließ keinen Zweifel an einer rechtsradikalen und antisemitischen Weltsicht.

Eine antifaschistische Intervention...

Unter dem Motto „Für eine antifaschistische Perspektive in Zeiten von Corona und darüber hinaus“ rief ein Bündnis aus der Antifaschistischen Jugend Freiburg und der „Anti-Alu-AG“ der Corona Solidarität Freiburg [CSF] auf. Zeitweise rund 50 Linke folgten diesem Aufruf und versammelten sich auf der Nordseite des Münsterplatzes. Nach einem Redebeitrag der „Anti-Alu-AG“ verlagerte sich die Gegendemonstration auf die Südseite des Platzes, um ihren Protest in Sichtund Rufweite des „Freien Mikrofons Freiburg“ kundzutun. Das Bündnis des Gegenprotestes kritisierte neben den verschwörungsideologischen und antisemitischen Inhalten der „coronaskeptischen“ Versammlungen auch die Teilnahme von Rechten bis Rechtsextremen bei diesen.


...die passend und notwendig erscheint

Mit Verzögerung begann das „Freie Mikrofon Freiburg“ schließlich mit dem Programm. Dabei ließ vor allem ein Redner in seiner manifestartigen Abhandlung tief in sein antisemitisches und menschenverachtendes Weltbild blicken. Es handelt sich um die Person, die vor ein paar Wochen noch mit dem zweiten „Reichsbannerträger“ und 5G-Gegner Rolf das schwarz-weiß-rote Transparent hielt. Angefangen mit der Verschwörungstheorie über den Anschlag auf das World Trade Center 2001 bis hin zu einer Ausführung, die inhaltlich sehr an „Brechung der Zinsknechtschaft“ erinnerte, jener Streitschrift, die das antikapitalistische Wirtschaftsprogramm der NSDAP mitprägte. (1) Die gehaltene Rede spiegelte anschaulich die Denkmuster eines rechten Verschwörungsideologen wieder. Die Demokratiefeindlichkeit
des Redners zeigte sich u.a. darin, dass er die parlamentarische Demokratie als „Kleptokratie“ und „Scheindemokratie“ bezeichnete, in der „Politikmarionetten“ durch eine reiche Elite gelenkt würden. Rhetorisch in Fragen und Floskeln verpackt zweifelte der Redner außerdem Deutschlands Schuld am 1. und 2. Weltkrieg an. So fragte er in AfD-Manier z.B.: „Ist das verlautbarte Narrativ haltbar oder dient es zur Ausbeutung, Unterdrückung und Lenkung der Deutschen,
die sich in ihrer ewigen Schuld suhlen und baden?“ Darüber hinaus ersuchte der Redner: „Wer kann mal weiter recherchieren, wer den Nationalsozialismus finanziert hat? Hat man etwa beide Seiten finanziert und sie dann gegeneinander aufgehetzt?“ - Die Antwort darauf hatte eine Rednerin bereits vor ein paar Wochen am gleichen Ort geliefert. Diese hatte eine Eigenschuld von jüdischen Menschen an der Shoah suggeriert. Um seinen Geschichtsrevisionismus zu untermauern zitierte er Wladimir Putin und wies auf Schriften von NS-Relativierern, wie Gerd Schultze-Rhonhof und dem rechtspopulistischen Verschwörungstheoretiker Thorsten Schulte, hin. Gegen Ende holte der geschichtsvergessene Redner noch einmal zu einer Schelte gegen „die Antifa“ aus. Antifaschist* innen stünden für „Massenmigration und Ausradierung alles Deutschem“. Er fragte: „Seid nicht gerade ihr [...] oder eure Ideologie nicht gerade für das Zunichtemachen der Vielfalt der Völker verantwortlich, wenn ihr die Vermischung der Rassen befürwortet?“ Diese Schelte beweist eine ideologische Nähe des selbsternannten „Aufklärers“ zur rechtsextremen „Identitären Bewegung“, die ihren Rassismus ebenfalls in Begriffen, wie „Ethnopluralismus“ zu verschleiern versucht.


Eingriffe in die Pressefreiheit

Die Pressearbeit eines freien Journalisten, der im Auftrag von Radio Dreyeckland recherchierte und die Rede dokumentarisch sowie videografisch festhielt, wurde mehrfach durch Versammlungsteilnehmer*innen, wie auch den Versammlungsleiter „Sasha“ behindert. Über die gesamte Zeit der Versammlung wurde der Pressevertreter bedrängt und in seiner Arbeit gestört. AfD-Stadtratskandidat Robert Hagerman z.B. verfolgte ihn und hustete in seine Richtung. Die Polizei hielt sich weitgehend zurück und schritt auch nach mehrmaligem Bitten des Reporters nicht ein. In einer Diskussion am Ende der Veranstaltung äußerte sich Polizei-Einsatzleiter Winterer, er werde rechtlich prüfen, ob die
nächsten Male eine Pressezone abseits der Versammlung eingerichtet würde. Der Pressevertreter würde dann zwar in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt werden, könnte aber „in Ruhe seiner Arbeit nachgehen“. Der Journalist solle außerdem froh sein, dass er von den Kundgebungs-Teilnehmer*innen nicht körperlich attackiert würde. Aufgrund seiner Ausrüstung und seiner Arbeitsart sah er den Pressevertreter obendrein mitschuld an den „Konfliktsituationen“.


Interesse für Verschwörungsideologie rechten
Terrors

Gegen Ende der Veranstaltung eröffnete Moderator Sasha sein Interesse für die „Q-Anon“-Verschwörung. Jene neurechte Verschwörungsideologie, mit der auch die rechtsterroristischen Attentäter von Halle, Hanau und Christchurch sympathisier(t)en. (2) Er könne viele Erklärungsmuster daraus für aktuelle Ereignisse ziehen, die sich mit seinem Allgemeinwissen deckten. Alles in Allem ließ die Veranstaltung am letzten Samstag einmal mehr hinter die vermeintlich friedliche Fassade des „Freien Mikrofons Freiburg“ blicken. Die Veranstalter*innen wie auch Besucher* innen dieses Formates können nicht weiter leugnen, eine offen rechte bis rechtsextreme Versammlung darzustellen. Die in rhetorische Figuren verpackte rechte Hetze und die Demokratiefeindlichkeit der Agitator* innen bewiesen dies ein weiteres Mal.

„Für eine antifaschistische und solidarische Perspektive“


Schlussfolgernd ist es erfreulich festzustellen, dass sich erneut ein deutlicher Gegenprotest formiert hatte. So konnte die Gegenkundgebung über zwei Stunden hinweg mit eigenen Redebeiträgen, Flugblättern und Musik auf die kritischen Inhalte hinweisen und eigene Inhalte vermitteln. Der Protest in Hör- und Sichtweite führte dazu, dass die
Reden am „Freien Mikrofon“ für Passant*innen kaum verständlich waren und auch die Kundgebungsteilnehmer*innen des „Freien Mikrofons Freiburg“ den Inhalten nur schwer folgen konnten. Während diese von der Gegenkundgebung
sichtlich genervt zu sein schienen, kamen bei Gesprächen und Verteilen von Flugblätter überwiegend positive Reaktionen von den Besucher*innen des Münsterplatzes. Zwar war die antifaschistische und solidarische Intervention optisch für Außenstehende schwer zu erkennen, auf inhaltlicher Ebene gab es hingegen meist Zuspruch und dankende Worte. Die Mehrheit zeigt sich mit der Parole einverstanden: „Für eine antifaschistische und solidarische Perspektive.“


(1) https://de.wikipedia.org/wiki/Brechung_
der_Zinsknechtschaft

(2) https://www.zeit.de/kultur/2020-03/
recht s radikale-onl i nenetzwerke-hanau-
afd-ukip/komplettansicht

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