Freiburger "Hygienedemos" treffen auf kreativen Gegenprotest

Am Samstag, den 30.05.2020, fanden auf dem Platz der Alten Synagoge und dem Münsterplatz erneut zwei Hygienedemos statt. Die Initiative 'Corona Solidarität Freiburg' hatte zu einem "Schilderwald der Solidarität" als Gegenprotest aufgerufen. Bis zu etwa 100 Menschen kamen, um sich klar gegen Verschwörungsideologien und menschenverachtende Einstellungen zu positionieren und machten teilweise eigene Forderungen sichtbar. Deutlich wurde diesen Samstag erneut, welche Bedrohnung aus den "Hygienedemos" hervorgeht. Neben den Aggressionen gegenüber den Gegenprotesten und den fast schon obligatorisch gewordenen Bedrängungen von freien Fotojournalist*innen durch "Coronaskeptiker*innen", nahmen auf dem Münsterplatz nun auch organisierte Nazis an der Demonstration teil.

Früher ist manchmal auch nicht mehr

Früher als bisher hatte die "Kommunikationsstelle Demokratischer Widerstand" die Demo auf dem Platz der Alten Synagoge dieses Mal auf 14:30 Uhr angemeldet. Die Teilnehmer*innenzahl stagnierte bei um 50 - 70 Personen und war damit ähnlich niedrig, wie letzte Woche, als dort beide Kundgebungen zusammengelegt waren.

Mit dabei war vergangenen Samstag erneut der Freiburger AfD-ler Robert Hagerman. Als gewaltbereit bekannt, bedrängte er gemeinsam mit einem Demo-Ordner einen Fotojournalisten. Da es ihm nicht gelang den kritischen Pressevertreter zu vertreiben, beschwerte er sich bei der Polizei. Allerdings erfolglos.

Mit einem Schilderwald eigene Inhalte setzen

Ebenso erfolglos blieben die Versuche der Organisator*innen den "Schilderwald der Solidarität", durch den sie sich offensichtlich gestört fühlten, zu unterbinden. Der "Schilderwald der Solidarität" bestand aus Positionierungen gegen Nazis und Verschwörungsdenken. Einige der Teilnehmenden nahmen die Aktion darüber hinaus zum Anlass, ihre eigenen Vorstellungen einer besseren Gesellschaft auf die Straße zu tragen. Gefordert wurde beispielsweise mehr Geld und Anerkennung für Pflegekräfte oder die Evakuierung von Refugee-Sammellagern. Leider waren diese Schildern von außen schlecht sichtbar. So ließ sich für Unbeteiligte nicht immer unterscheiden, wer hier welches Anliegen hatte. Trotzdem schlossen sich vereinzelt Passant*innen dem Gegenprotesten spontan an.

Teilweise kam es zu Diskussionen zwischen "Coronaskeptiker*innen" und Gegendemonstrant*innen. Ob dadurch festgefügte Weltbilder in Frage gestellt werden konnten, darf bezweifelt werden. Erfreulicherweise sah sich aber die Polizei außerstande Gegendemonstrant*innen wegzuschicken und ließ den Proteste gewähren. Dieser bestand darin, mit Schildern an der Kundgebung teilzunehmen, ohne konfrontativ zu stören.

"Hippiesk", aber nicht ungefährlich

Die Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge wirkt im Vergleich zum Münsterplatz etwas harmloser. Das überdimensionsierte schwarz-weiß-rote "Frieden - Freiheit - Wahrheit" - Banner war diesen Samstag am PdAS tatsächlich nicht mehr zu sehen und ist nun auf den Münsterplatz umgezogen. Ein Grund dafür dürfte wohl die massive Kritik an dieser eindeutig rechten Farb- und Symbolwahl gewesen sein, die auch in den eigenen Reihen für Verunsicherung und Diskussionen gesorgt hatte.

Doch wenn sich die Demos teilweise in ihrer Radikalität unterschieden, wurde wieder einmal deutlich, dass auch die Kundgebung auf dem Platz der Alten Synagoge alles andere als ungefährlich ist. Die tolerierte Anwesenheit von Hagerman macht dies ebenso deutlich, wie die inhaltlichen Beiträge. In den Reden kam es erneut zu Aussagen, die den NS relativierten. Besonders betont wurde von den Redner*innen der vorgebliche Bezug auf die "Weiße Rose", in deren Tradition sich "Widerstand 2020" stellt. Die Student*innen die sich unter dem Namen "Weiße Rose" gegen das Nazi-Regime gewehrt hatten, bezahlten ihren Mut mit dem Leben. Wenn rechtsoffene, von Antisemitismus durchzogene Hygienedemos versuchen den historischen Widerstand gegen Hitler zu vereinnahmen, ist das einfach nur zynisch gegenüber den tatsächlichen Opfern des Faschismus.

Beteiligung von weit rechts

Auf dem Münsterplatz ging es wie die letzten Wochen vor der Regenpause am vorangegangenen Samstatg um 15:30 Uhr los. 

Ihren Weg hierhin gefunden hatte nicht nur das schwarz-weiß-rote Riesentransparent, sondern auch einige der Organisator*innen und Teilnehmer*innen vom Platz der Alten Synagoge. Sie hatten offensichtlich kein Abgrenzungsbedürfnis gegenüber den organisierten Neonazis und extrem rechten Aktivist*innen, die auf dem Münsterplatz anwesend waren - beispielsweise der Youtuber Matt oder den Kopf des neuen, extrem rechten Telegram-Channels "Inflagranti Freiburg". Natürlich gehörte auch Robert Hagerman zu jenen, die ihren Weg zum Münsterplatz fanden. Er hatte sicherlich kein Problem mit seiner neuen Gesellschaft. Auf dem Münsterplatz versuchte er mehrfach den Gegenprotest abzufilmen, was durch beherztes Eingreifen jedoch zügig unterbunden werden konnte.

"Weg gegangen, Platz gefangen"

Die Zahl der Kundgebungsteilnehmer*innen, die sich selbst "Freunde der Freiheit" nennen, ist ebenfalls zurück gegangen und lag bei etwa 100 Personen. Der "Schilderwald der Solidarität" sorgte außerdem durch seine frühe Anwesenheit für einige Verwirrung und Verzögerungen und erschwerte den Zugang zur Bühne. Obwohl die Veranstalter*innen die Polizei mit Nachdruck dazu aufforderten, die Gegendemonstrant*innen zu entfernen, die ein Großteil des Platzes einnahmen, sah sich die Einsatzleitung außerstande gegen den Schilderwald vorzugehen. 

Die Organisator*innen und teilnehmenden "Coronaskeptiker*innen" machten ihrem Unmut auf teilweise sehr unangenehme Weise Luft. Sie kamen den Menschen eindeutig zu nah, fotografierten und filmten systematisch und teilweise sehr aufdringlich ab und beschimpften die Gegendemonstrant*innen durch das Mikro, oder auch in direkten Gesprächen. Vereinzelt wurden Diskussionen geführt, die Stimmung war aber generell angespannt. Und verständlicherweise mochte sich manche*r nicht mit dem Halten eines Schildes begnügen, bei dem, was da in den Redenbeiträgen transportiert wurde.

Die inhaltlichen Beiträge waren in den vergangenen Wochen von NS-Realitivierungen, Holocaust-Vergleichen und Hetze gegen Linke geprägt gewesen. Damit hielten sich die Redner*innen dieses Mal zurück, was vielleicht auch ein Resultat bisheriger Skandalisierungen und direkter Proteste gewesen sein könnte. Mit von der Partie waren allerdings auch diesesmal wieder: Diffarmierung antifaschistischen Gegenprotestes, die Merkel-Drosden-Gates-Verschwörung und Sozialdarwinismus ("Lassen wir die Alten und Kranken sterben").

Hygienedemos vs. Gegenprotest

Die Hygienedemos fanden an den letzten beiden Wochenenden nicht mehr zur "alten Größe". Gleichzeitig beginnt der Gegenprotest sich zu formieren. Inwiefern bereits die eher unorganisierten Proteste der anfänglichen Wochen oder die nun an zwei aufeinander folgenden Samstagen öffentlich angekündigten Interventionen dazu beigetragen haben, lässt sich nur schwer festhalten. Gleichzeitig haben vermutlich auch die öffentliche Aufklärung und meist kritische Berichterstattung über die bundesweiten Corona-Proteste für eine Sensibilisierung, oder gar Verzicht auf die Teilnahme an den Kundgebungen geführt. Außerdem scheint es eine Spaltung innerhalb der Proteste auf dem Platz der Alten Synagoge zu geben, wobei die Gruppierung "Widerstand2020 Freiburg" anfängt sich zu organisieren. In welche Richtung sich dies entwickelt, ob es zu einer Auflösung oder einem Anschluss an die "Freunde der Freiheit" kommt, wird sich zeigen.

Leiser, weniger, aber nicht weniger gefährlich

Zudem scheint das Schaffen von Öffentlichkeit und das Skandalisieren verschwörungsideologischer oder NS-verharmlosender Aussagen dazu zu führen, dass die Redner*innen ihre Beiträge entschärfen. Auch haben einzelne Teilnehmer*innen der "Hygienedemos" in Diskussionen davon erzählt, dass sie von eigenen Redebeiträgen mittlerweile absehen, da sie Respekt vor den Konsequenzen etwaiger menschenfeindlicher Äußerungen hätten. 

Dennnoch darf die Gefahr, die von den Kundgebungen, insbesondere der auf dem Münsterplatz, ausgeht nicht unterschätzt werden. Die Anwesenheit und das Mitmischen von organisierten Nazis aus der Region waren an diesem Samstag so offensichtlich wie nie in den Wochen zuvor. Nicht nur, dass bisherige Hinweise von Gegendemonstrant*innen auf anwesende Neonazis ignoriert wurden, zeigt die politische Positionierung der selbsternannten "Freunde der Freiheit". Auch, dass Faschist*innen offen sichtbar an den Freiburger "Hygienedemos" teilnehmen, ist ein Hinweis darauf, dass sich diese von den bundesweiten Protesten bestärkt fühlen und versuchen an die Öffentlichkeit zu drängen. 

 

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